eNaBlS-Workshop erarbeitet Wege für mehr Artenvielfalt in Bildung und Praxis [29.04.26]
Die europäische Projektinitiative eNaBlS lud Fachleute aus Baden-Württemberg aus Bildung, Politik, Verwaltung, Naturschutz, Planung, Handwerk und Wirtschaft nach Stuttgart ein. Erste Ergebnisse zeigen: Artenvielfalt und naturbasierte Lösungen brauchen verbindliche Verankerung, qualifizierte Fachkräfte und bessere Brücken zwischen Wissen und Umsetzung.

eNaBls Policy Workshop im Naturkunde Museum Stuttgart
29 April 2026, Stuttgart. Wie können Artenvielfalt und naturbasierte Lösungen stärker in Bildung, Qualifizierung und beruflicher Praxis verankert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Workshops „Politische Empfehlungen zu Artenvielfalt und NBS in Bildung und Praxis“, zu dem das Horizon-Europe-Projekt eNaBlS am 28. April 2026 ins Museum am Löwentor in Stuttgart eingeladen hatte.
Mit Artenvielfalt war im Workshop biologische Vielfalt im weiteren Sinne gemeint: die Vielfalt der Arten, die genetische Vielfalt innerhalb von Arten sowie die Vielfalt von Lebensräumen und Ökosystemen. Naturbasierte Lösungen, auf Englisch Nature-Based Solutions und kurz NBS, sind Maßnahmen, die auf Ökosystemen und natürlichen Prozessen aufbauen. Sie verbinden gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimaanpassung, Wasserregulierung oder Hitzeschutz mit einem Nutzen für die biologische Vielfalt. Im Workshop wurde deutlich: Eine Maßnahme ist nicht schon deshalb eine NBS, weil sie „grün“ aussieht. Entscheidend ist, ob sie ökologisch wirksam, lokal passend, langfristig tragfähig und sinnvoll in Bildungs- oder Praxiszusammenhänge eingebettet ist.
„Mit eNaBlS wollen wir aus Erfahrungen in Bildung, Politik und Praxis Empfehlungen entwickeln, die über Einzelprojekte hinausweisen“, sagte Dr. Ann-Catrin Fender, Projekt-Koordinatorin von eNaBlS. „Der Workshop hat gezeigt, dass es nicht nur um neue Materialien geht. Es geht um strukturelle Verankerung: in Lehrplänen, in Qualifizierungsangeboten, in Zuständigkeiten und in Kooperationen zwischen Bildungsinstitutionen, Verwaltung und Praxis.“
Artenvielfalt als Frage von Urteilskraft und Verantwortung
Den bildungsethischen Rahmen setzte Prof. Dr. Thomas Potthast, Professor für Ethik, Theorie und Geschichte der Biowissenschaften und Direktor des Ethikzentrums an der Universität Tübingen. In seinem Impuls „Biodiversität und NBS als Teil einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ ordnete er Artenvielfalt und NBS in die Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals, kurz SDGs, ein.
„Artenvielfalt und naturbasierte Lösungen sind in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung nicht nur Wissensinhalte, sondern auch mit Fragen der Begründung, Priorisierung und Abwägung verbunden“, sagte Potthast. „Lernende müssen einschätzen können, welche Aspekte biologischer Vielfalt an einem bestimmten Ort relevant sind, welche naturbasierte Lösung zu welchem Problem passt und welches Wissen dafür im jeweiligen Bildungskontext gebraucht wird.“
Artenvielfalt von Anfang an mitplanen
Wie konkret solche Fragen in der Umsetzung werden, zeigte Dipl.-Ing. Architekt Marco Tschöp von der Landeshauptstadt Stuttgart am Beispiel des Bildungshauses NeckarPark in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das Projekt verbindet Schule, Kita, Volkshochschule, Sporthalle und Außenanlagen. Vorgestellt wurden unter anderem Holzhybridbauweise, Fassadenbegrünung, vollflächige Dachbegrünung mit Photovoltaik, Quartiere für Haussperlinge, Mauersegler und Fledermäuse, Vogelschlagschutz an Glasflächen sowie eine auf ökologische Anforderungen abgestimmte Außenbeleuchtung.
„Das Bildungshaus NeckarPark zeigt, dass ökologische Maßnahmen nicht erst nachträglich ergänzt werden sollten“, sagte Tschöp. „Fassaden- und Dachbegrünung, Artenschutz am Gebäude, Vogelschlagschutz und Außenbeleuchtung greifen dann am besten ineinander, wenn sie früh Teil der Planung sind. Zugleich sind Projekte wie dieses mit erheblichen Kosten und einem großen Planungsaufwand verbunden. Daher ist von Beginn an eine gesamtheitliche Planung erforderlich."
Erste Ergebnisse aus den Thementischen
Im anschließenden World-Café, einem moderierten Austauschformat an wechselnden Thementischen, diskutierten die Teilnehmenden vier Themenfelder: naturnahe Lernorte und Schulhöfe, Hochschullehre und Lehrerbildung, politische und administrative Rahmenbedingungen sowie Berufsbildung, Weiterbildung und Branchenpraxis.
Deutlich wurde: Artenvielfalt und NBS brauchen eine stärkere Verankerung in Lehrplänen, Studienplänen und Fortbildungsstrukturen. Naturnahe Lernorte wie Schulhöfe, Campusflächen und kommunale Grünräume können dabei wichtige Erfahrungsräume sein – vorausgesetzt, Planung, Pflege, Nutzung und Beteiligung werden zusammengedacht.
Zugleich braucht es bessere Koordination, verlässliche Finanzierung und klare Zuständigkeiten. In der beruflichen Bildung und Praxis wurde vor allem der Bedarf an Fachkräften betont, die NBS planen, umsetzen, pflegen und bewerten können – etwa in Handwerk, Planung, Verwaltung und Betrieben.
Nächste Schritte: eine Fahrt nach Brüssel
Die Ergebnisse werden nun durch eNaBlS ausgewertet und zu nationalen Empfehlungen für Deutschland verdichtet. Anschließend fließen sie in den europäischen Projektprozess ein. Geplant ist die Bündelung der Ergebnisse aus insgesamt sieben Workshops in den sieben Reallabor-Ländern des Projekts sowie die Vorstellung der daraus resultierenden internationalen politischen Handlungsempfehlungen bei einem europäischen Workshop im Herbst in Brüssel.
Das Horizon-Europe-Projekt eNaBlS will biologische Vielfalt und naturbasierte Lösungen in Hochschulbildung, beruflicher Bildung sowie Fort- und Weiterbildung stärken. Insgesamt umfasst eNaBlS elf Partner aus acht Ländern: Deutschland, Niederlande, Finnland, Österreich, Litauen, Belgien, Griechenland und Tschechien. Reallabore, sogenannte Living Labs, also praxisnahe Lern- und Experimentierräume, sind in sieben Ländern angelegt. In Deutschland ist eNaBlS am Kompetenzzentrum für Biodiversität und integrative Taxonomie, KomBioTa, verortet. KomBioTa ist eine Kooperation der Universität Hohenheim und des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart.
Projektkontakt eNaBlS Deutschland
Julia Klawitter, Projekt-Managerin für Kommunikation und Koordination, Universität Hohenheim
Projektkontakt eNaBlS Europa
Ann-Catrin Fender, Projekt-Koordinatorin, Universität Hohenheim
Dafni Delioglani, Disseminations- und Kommunikationsmanagerin, FOCUS Strategic Thinking Consultants
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